Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin – 5. Geschichte | BabyDuda » Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin – 5. Geschichte | BabyDuda »
cloud
cloud
cloud
cloud
cloud
cloud


Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin – 5. Geschichte
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne

4,15 von 515 Stimme(n))
Loading...
featured image

Hans Christian Andersen – Die Schneekönigin – 5. Geschichte

Hans Christian Andersen – Märchen Hörbuch – Die Schneekönigin – Fünfte Geschichte. Das kleine Räubermädchen

Fünfte Geschichte. Das kleine Räubermädchen.
Sie fuhren durch den dunklen Wald, aber der Wagen leuchtete weithin. „Das ist Gold!“ riefen die Räuber, stürzten hervor, fielen den Pferden in die Zügel, erschlugen die kleinen Vorreiter, den Kutscher und die Diener und zogen nun die kleine Gerda aus dem Wagen.

„Sie ist fett, sie ist reizend, sie ist mit Nußkernen gemästet!“ sagte das alte Räuberweib, welches einen langen struppigen Bart und Augenbrauen hatte, die ihr bis über die Augen herabhingen. „Das ist ebenso gut wie ein kleines fettes Lamm! Nun, wie soll sie schmecken.“ Bei diesen Worten zog sie ihr blankes Messer heraus und das blitzte, daß es Angst einjagen konnte.

„Au!“ schrie das Weib zu gleicher Zeit. Kein Wunder! der Frau wilde und ungeberdige Tochter, die auf ihrem Rücken hing, hatte sie in das Ohr gebissen und so konnte sie nicht gleich dazu kommen, Gerda zu schlachten.

„Sie soll mit mir spielen!“ sagte das kleine Räubermädchen herrisch. „Sie soll mir ihren Muff, ihr schönes Kleid geben, sie soll neben mir in meinem Bette schlafen!“

„Ich will in den Wagen hinein!“ sagte das kleine Räubermädchen, und es mußte und wollte seinen Willen haben, denn es war gar verhätschelt und gar halsstarrig. Es setzte sich mit Gerda hinein und dann fuhren sie über Stock und Stein immer tiefer in den Wald. Das kleine Räubermädchen war eben so groß wie Gerda, aber kräftiger, breitschultriger und gebräunter. Seine Augen waren ganz schwarz, sie sahen fast traurig aus. Es faßte die kleine Gerda um den Leib und sagte: „Sie sollen dich nicht schlachten, so lange ich nicht böse auf dich werde! Du bist gewiß eine Prinzessin?“

„Nein,“ erwiderte die kleine Gerda, und erzählte ihr alles, was sie erlebt hatte und wie lieb sie den kleinen Kay hätte.

Jetzt hielt der Wagen still; sie befanden sich mitten auf dem Hofe eines Räuberschlosses. Von oben bis unten war es geborsten, Raben und Krähen flogen aus den offenen Löchern, und die großen Bullenbeißer, die aussahen, als könnte jeder einen Menschen verschlingen, sprangen hoch empor, aber ohne zu bellen, denn das war verboten.

Mitten auf dem steinernen Fußboden des großen, alten, verräucherten Saales brannte ein großes Feuer. Der Rauch zog unter der Decke hin und drang durch die zahlreichen Risse und Sprünge ins Freie. In einem großen Braukessel wurde Suppe gekocht und Hasen wie Kaninchen wurden am Spieße gedreht.

„Du sollst diese Nacht mit mir bei allen meinen lieben Tierchen schlafen!“ sagte das Räubermädchen. Sie erhielten nun zu essen und zu trinken und gingen dann nach einer Ecke, wo Stroh und Decken lagen. Oben drüber saßen auf Latten und Stangen wohl an hundert Tauben, die alle zu schlafen schienen, sich aber doch ein wenig bewegten, als die kleinen Mädchen kamen.

„Die gehören samt und sonders mir!“ sagte das kleine Räubermädchen und ergriff schnell eine der nächsten, hielt sie an den Beinen und schüttelte sie, bis sie mit den Flügeln schlug.

„Dort sitzt das Waldgesindel!“ fuhr sie fort und deutete auf eine Menge Stäbe, die hoch oben vor einem Loche in die Mauer eingeschlagen waren. „Das ist mein Waldgesindel und hier steht mein altes, liebstes Bä!“ Dabei zog sie ein Renntier am Geweihe hervor, welches einen blanken Kupferring um den Hals hatte und angebunden war. „Jeden Abend kitzle ich es mit meinem scharfen Messer am Halse, wovor es sich sehr fürchtet!“ Das kleine Mädchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer und ließ es über den Hals des Renntieres hingleiten.

„Willst du das Messer während des Schlafes bei dir behalten?“ fragte Gerda und sah sie etwas ängstlich an.

„Ich schlafe immer mit dem Messer!“ sagte das kleine Räubermädchen. „Man weiß nicht, was sich ereignen kann. Aber nun lass mich’s noch einmal hören, was du mir vorhin von dem kleinen Kay erzähltest, und weshalb du in die weite Welt hinausgegangen bist.“ Und Gerda begann ihre Geschichte wieder von vorn, und die Waldtauben girrten oben in ihrem Käfig, die andern Tauben aber schliefen. Das kleine Räubermädchen legte einen Arm um Gerda’s Hals, hielt das Messer in der andern Hand und schnarchte, daß man es hören konnte, Gerda jedoch war nicht imstande, ein Auge zu schließen, wußte sie doch nicht, ob sie leben bleiben oder sterben sollte. Die Räuber saßen rund um das Feuer, sangen und tranken und das Räuberweib schlug Purzelbäume. O, es war dem kleinen Mädchen wahrhaft entsetzlich, dies mit ansehen zu müssen.

Da sagten die Waldtauben: „Kurre, kurre! wir haben den kleinen Kay gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten, er saß auf dem Wagen der Schneekönigin, welche unmittelbar über den Wald hinfuhr, als wir im Neste lagen. Sie blies uns junge Tauben an und mit Ausnahme von uns beiden starben alle; kurre, kurre!“

„Was sagt ihr dort oben?“ rief Gerda. „Wohin reiste die Schneekönigin? Ist euch etwas davon bekannt?“

„Sie reiste vermutlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und Eis! Frage nur das Renntier, welches dort angebunden steht!“

„Dort ist Eis und Schnee, dort ist ein gesegnetes und herrliches Land!“ versetzte das Renntier. „Dort springt man in den großen, glitzernden Thälern frei umher. Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr festes Schloß hat sie oben nach dem Nordpole zu, auf der Insel, die Spitzbergen genannt wird!“

„O, Kay, lieber Kay!“ seufzte Gerda.

„Nun mußt du still liegen!“ sagte das Räubermädchen, „sonst stoße ich dir das Messer in den Leib!“

Am Morgen erzählte Gerda ihr alles, was die Waldtauben gesagt hatten, und das kleine Räubermädchen sah ganz ernsthaft aus, nickte jedoch mit dem Kopfe und sagte: „Das ist ganz gleich! — Weißt du, wo Lappland liegt?“ fragte sie das Renntier.

„Wer sollte es wohl besser wissen, als ich,“ sagte das Tier, und die Augen leuchteten ihm im Kopfe. „Dort bin ich geboren und aufgewachsen, dort habe ich mich auf den Schneefeldern umhergetummelt.“

„Höre!“ sagte das Räubermädchen zu Gerda. „Wie du siehst, sind unsere Mannsleute sämtlich fort, aber Mutter ist noch hier und bleibt auch zu Hause. Zum Frühstück trinkt sie jedoch aus der großen Flasche und entschlummert bald darauf. Dann will ich etwas für dich thun.“

Als nun die Mutter aus ihrer Flasche getrunken hatte und einen kleinen Nickkopf machte, ging das Räubermädchen zum Renntiere und sagte: „Ich hätte zwar ganz besondere Lust, dich noch manchmal mit dem scharfen Messer zu kitzeln, denn das ist außerordentlich belustigend, aber gleichviel, ich will trotzdem deinen Strick lösen und dir hinaushelfen, daß du nach Lappland laufen kannst, aber du mußt laufen wie noch nie und mir dieses kleine Mädchen nach dem Schlosse der Schneekönigin bringen, wo sich ihr Spielkamerad aufhält. Du hast wohl gehört, was sie erzählte, denn sie schwatzte laut genug, und du pflegst zu lauschen!“

Das Renntier sprang vor Freude hoch auf. Das Räubermädchen hob die kleine Gerda hinauf und war vorsichtig genug, sie festzubinden und ihr sogar ein kleines Sitzkissen zu geben. „Das ist einerlei!“ sagte sie, „da hast du deine Pelzstiefelchen wieder, denn es wird kalt werden, den Muff behalte ich aber, er ist doch gar zu niedlich! Gleichwohl sollst du nicht frieren. Hier hast du meiner Mutter große Fausthandschuhe, sie reichen dir gerade bis an die Ellbogen! Zieh sie an!“

Gerda weinte vor Freude.

„Solch’ Gejammer kann ich nicht ausstehen!“ sagte das kleine Räubermädchen. „Nun mußt du gerade vergnügt aussehen! Hier hast du noch zwei Brote und einen Schinken, damit du nicht zu hungern brauchst!“ Beides wurde hinten auf das Renntier gebunden; das kleine Räubermädchen öffnete die Thüre, lockte alle die großen Hunde herein, zerschnitt dann den Strick mit ihrem Messer und sagte zum Renntiere: „Lauf nun, aber gieb wohl auf das kleine Mädchen acht!“

Und Gerda streckte die Hände mit den großen Fausthandschuhen gegen das Räubermädchen aus, sagte Lebewohl und dann flog das Renntier vorwärts über Gebüsch und Gestrüpp, durch den großen Wald, über Sümpfe und Steppen, so schnell es vermochte. Die Wölfe heulten und die Raben schrieen. Schwaches Knistern ließ sich aus weiter Ferne vernehmen und starkes Wetterleuchten zeigte sich auf allen Seiten.

„Das sind meine alten Nordlichter!“ sagte das Renntier, „sieh, wie sie leuchten!“ und dann lief es noch hurtiger vorwärts, Tag und Nacht. Die Brote wurden verzehrt, der Schinken dazu und dann waren sie in Lappland.

Posted by

  • Hans Christian Andersen
  • kostenlos
  • Märchenstunde

Kommentar schreiben

Hinweis: Deine Email-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Alle Felder, die ausgefüllt werden sollen, sind mit * markiert. Abgegebene Kommentare werden von mir schnellstmöglich geprüft und freigeschalten.

Deine Meinung zum Thema:


Kommentar